Vorgeschichte
Über den Mürzer Altenball hatte ich schon in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts viel gehört. Als meine Gattin noch im SPÖ-Frauenkomitee aktiv war, das regelmäßig die Bewirtung der Gäste und der veranstaltenden Gemeinderäte besorgte.
Später, als ich im ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts selber als Vertreter der Grünen dem Gemeinderat angehörte, verfolgte ich als Zuhörer im Sozialausschuss interessiert die diesbezüglichen Beratungen. Aber im Unterschied zum Altentag und zur Altenweihnachtsfeier ließ ich mich nie beim Altenball blicken. Weil sich meine Tanzleidenschaft in Grenzen hält.
Geplänkel mit dem Bürgermeister
Als heuer die Einladung zum „Ball der Junggebliebenen“ ins Haus flatterte, ergab sich die Gelegenheit zu einem Geplänkel mit dem Bürgermeister:
„Sehr geehrter Herr Bürgermeister, lieber Karl!
Herzlichen Dank für die mir gestern zugegangene Einladung zum Ball der Junggebliebenen! Was mich allerdings etwas irritiert, ist der darin angekündigte Bustransfer.
Ist dir bekannt, dass der Linienbus R 180 um 14:20 Uhr an der Haltestelle Hönigsberg Ort (= gegenüber Zeilbauer), um 14:24 Uhr beim Friedhof und eine Minute später beim LKH (unweit des Seniorenwohnhauses) hält? Es ist dies eine von 22 noch bestehenden Verbindungen an Schultagen, an Sonn- und Feiertagen sind es ohnehin nur mehr 4!
Ist dir bekannt, dass der Linienbus R 180 um 14:22 Uhr an der Haltestelle Mürzzuschlag Eisenbahnersiedlung (= Schöneben) hält? Es ist dies eine von 12 (zwölf) noch bestehenden Verbindungen an Schultagen, an Sonn- und Feiertagen sind es ohnehin nur mehr 3 (drei)!
Beide Busverbindungen steuern den Busbahnhof an, von dem aus es nicht viel mehr als hundert Schritte sind zum Stadtsaal und der Tanzfläche für Ballbesucher. Jedenfalls sind es ungleich weniger Schritte als man für ein einziges Tänzchen benötigt. Ich denke jungebliebene Tänzer benötigen keinen Transport von Haustür zu Haustür, der noch dazu den Linienbussen Konkurrenz macht. Was wir uns wünschen, wäre allerdings ein dichteres Öffi-Netz, sowohl in der Stadt als auch in die Nachbargemeinden, die möglicherweise bald schon Teile unserer Stadt sein werden. Öffis verkehren aber bekannterweise nur, wenn sie von ausreichend vielen Fahrgästen frequentiert werden.
Um das - auch im Interesse der Klimaschutzes - zu erreichen, gilt es Ideen zu entwickeln, wie sich die Zahl der Fahrgäste steigern ließe. Ein Ballbesuch wäre so eine Gelegenheit. Man könnte ja anstatt einen Sonderbus zu chartern, an jeden Ballbesucher eine 24-Stundenkarte verschenken. Kostet nur 2,50 EURO für Besitzer einer Vorteilscard Senior. Ja mit dieser Karte könnte der Junggebliebene nicht nur am Balltag hin- und zurückfahren, er könnte am nächsten Vormittag damit sogar seine Ballbekanntschaft besuchen! Und im Linienbus hätte der Junggebliebene nicht nur die Möglichkeit mit Gleichaltrigen, sondern auch mit anderen Öffi-Nutzern unserer Generationenstadt ins Gespräch zu kommen! (Im Fasching wird man wohl ein wenig Narrenfreiheit beanspruchen können!)
Als Mitglied des Mürzer e5-Teams habe ich mich für nächste Woche zu einem Workshop "Energieeffizienz erstklassig kommunizieren" angemeldet. Dabei sollen auch Probleme aufgegriffen und Praxisbeispiele der teilnehmenden Gemeinden aufgearbeitet werden. Ich werde mir erlauben, die Einladung zum Mürzer "Ball der Junggebliebenen" als Demonstrationsobjekt mitzunehmen.
Liebe Grüße, Erwin Holzer“
„Lieber Erwin,
danke für dein Mail, wir freuen uns, dich beim Ball der Junggebliebenen begrüßen zu dürfen.
Zu deinen Anmerkungen über den Bustransfer darf ich dir mitteilen, dass ich den Fahrplan kenne, dennoch hat sich unser Service für den Transport zur Veranstaltung und danach der Rücktransport nach Hause schon seit vielen Jahren sehr bewährt. Viele unserer Gäste freuen sich über die gemeinsamen Stunden und die Geselligkeit ohne dass sie das Tanzbein schwingen, da sie mitunter körperlich dazu nicht mehr in der Lage sind. Einzelne haben mir in der Vergangenheit für die Möglichkeit der Fahrgelegenheit persönlich gedankt, da sie darauf angewiesen sind, unmittelbar von einer Türe zur anderen mit einem Fahrzeug gelangen zu können. Ich denke, auf diese Unterstützung sollten wir nicht verzichten, eine Konkurrenz für die Linienbusse kann ich darin nicht erkennen.
Diese besondere Qualität bietet auch das seit Jahren sehr gut nachgefragte City Taxi, hier werden jene, die nicht selbst fahren wollen oder kein Fahrzeug besitzen, unmittelbar vor die Haustüre gebracht, mitunter werden die Einkäufe von einem freundlichen Taxi-Lenker bzw. einer freundlichen Taxi-Lenkerin auch noch ins Haus getragen. Ein City Bus kann diesen Service nicht bieten, belastet das Haushaltsbudget um ein Vielfaches und bedarf einer entsprechenden Frequenz.
Wie auch immer freue ich mich auf die gemeinsame Veranstaltung und bin mir sicher, dass die Bereitstellung einer Transportmöglichkeit gut ist und beibehalten werden soll.
Herzliche Grüße, Karl Rudischer“
Na ja, als ehemaliger Vorsitzender des Prüfungsausschusses war mir bekannt, dass unser Bürgermeister lieber das Haushaltsbudget mit ungebremsten Schulden für teure Parkplatzverpflasterungen belastet. Sie machen ein Vielfaches aus vom Abgang eines City Busses.
Und ich hatte auch wenig Verständnis erwartet für viele Junge und Junggebliebene mit einem Monatseinkommen von 1000,- bis 1500,- Euro oder gar noch weniger, die täglich in der Stadt mobil unterwegs sein möchten oder müssen. Die hätten 20 bis 30 Prozent ihres Einkommens zu berappen, wenn sie täglich mit dem vielgepriesenen City Taxi unterwegs wären.
Überrascht war ich, dass der Bürgermeister fix mit meinem Erscheinen rechnete. Erst vor wenigen Monaten hatten wir anlässlich einer Afrikareise in einer Gegend campiert, wo nachts die Löwen herumstreiften. Daher konnte ich mich jetzt vor einem Gang in die Höhle des Löwen schwer drücken.
Zunächst war es der Weg zum Linienbus, wo ich mir eine 24-Stunden-karte kaufte. Meine mich begleitende Frau besitzt ohnehin eine Monatskarte. (Da diese Karte übertragbar ist, nütze ich sie öfters, soferne gerade ein Bus verkehrt. Ansonsten muss ich meine junggebliebenen Füße betätigen. Oder ich setze mich ins eigene Auto, obwohl mein junggebliebenes Hirn umweltbewusst denkt und meine junggebliebenen Augen bei Nacht und Regen auch nicht mehr das sind, was sie früher einmal waren.)
In der Höhle des Löwen
Im Linienbus traf ich zwei Ballbesucher sowie einen ehemaligen Gemeinderatskollegen, mit dem mich viele Erfahrungen verbinden im Kampf um eine fußgängerfreundliche Stadt. Vor dem Stadtsaal angekommen verzichtete ich, das Eintreffen der Transferbusse zu beobachten. Meine Frau und ich entflohen der klirrenden Kälte ins Foyer, wo uns die Sozialreferentin mit einem Willkommenstrunk begrüßte.
Der Saal war zu diesem Zeitpunkt bereits zur Hälfte gefüllt. Wir nahmen im hinteren Teil an einem leeren Tisch Platz. Kurz vor Beginn des Balles gesellten sich noch ein Pfarrer und ein Ehrenbürger zu uns.
Etwa 180 Junggebliebene im Alter zwischen 60 und 90 Jahren waren erschienen. Das erfuhr man beim Eröffnungsspiel, mit welchem der moderierende Gemeindebedienstete die älteste Besucherin und den ältesten Besucher ermittelte. Sie wurden vom Bürgermeister und der Sozialreferentin zum Eröffnungstanz gebeten.
Etwa ein Viertel der Besucher begab sich in den folgenden Stunden nicht auf die Tanzfläche, alle anderen schwangen ausdauernd das Tanzbein. Jedenfalls eifriger als ich, der ich die schnellen Tänze nicht beherrsche.
Meiner Frau fiel auf, dass jetzt die GemeinderätInnen nicht mehr wie früher ganz vorne an einem Tisch beisammen saßen, sondern sich im Publikum verteilten oder die Komiteefrauen beim Servieren unterstützten. Es gab ein Gratisgetränk, ein Paar Gratiswürstel und einen Gratiskrapfen. Das war auch vor Jahrzehnten schon so gewesen.
Kurz nach 17 Uhr gab es für die Junggebliebenen die „Mitternachtseinlage“. Etwa eine Stunde später begann sich langsam der Saal zu leeren und auch wir brachen auf, da wir um 18:20 Uhr den letzten Linienbus hatten. Auf der Straße sahen wir drei wartende Taxis, die heute vielleicht sogar kostenlos fuhren. Wir beanspruchten sie nicht, denn wir hatten ja unsere Monatskarte, beziehungsweise des 24-Stunden-Ticket für die Öffis.
Mit dieser Karte fuhr ich am nächsten Tag noch in die Stadt um Einkäufe zu besorgen, die von mir auch noch selber ins Haus getragen wurden, ohne das eigene Haushaltsbudget oder das der Gemeinde über Gebühr zu belasten. -
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