Mürzzuschlag
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02.10.2010 - Was ich im September 2010 in unserer Stadt wahrgenommen habe.
In den Tagen eines von Heimattümelei geprägten Landtagswahlkampfes tat es gut, manchmal in unserer Stadt einen weiteren Horizont zu entdecken, einen Blick zu wagen in die Welt der Wissenschaft.
Eine in vergleichbaren Kleinstädten kaum anzutreffende Einrichtung ist die „Schnupperhochschule“, eine ursprünglich am Gymnasium entstandene und schon vor etlichen Jahren ins Kunsthaus übersiedelte wissenschaftliche Vortragsreihe. Zu Gast war diesmal der Grazer Soziologe Manfred Prisching. Einem breiteren Publikum wurde er vor einigen Jahren bekannt durch seine Reportagen aus dem untergehenden New Orleans. Er referierte über „Das Selbst. Die Maske. Der Bluff.“ So der Titel seines gleichnamigen, im Vorjahr erschienen Buches. Das Buch möchte er als Essay verstanden wissen. Daher kann es sich lockerer und verständlicher geben als manche sozialwissenschaftlichen Analysen. Und noch wesentlich lockerer gestaltete Prisching seinen Vortrag, angereichert mit zahlreichen Bildbeispielen aus Zeitgeistzeitschriften. Er präsentierte ein sarkastisch schonungsloses Panorama unserer postmodernen, schönen neuen Welt der Konsumgesellschaft: „Alle wollen und müssen individuell sein – sich suchen und entfalten. Aber eigentlich wollen sie wissen, welcher Typ sie sind. Sie wollen sich einordnen. Sie wollen konforme Individualisten sein. Das funktioniert nur mit viel Bluff: mit Selbsttäuschung und Heuchelei.“
Wesentlich akademischer ging es zu beim dreitägigen Seminar „Innenschau“ mit Oswald Wiener. Der 1935 in Wien geborene Schriftsteller, Kybernetiker und Sprachtheoretiker zählt zu den schillerndsten Figuren des österreichischen Geisteslebens. In den Fünfziger Jahren studierte er in Wien Rechtswissenschaft, Musikwissenschaft, afrikanische Sprachen und Mathematik, und war als professioneller Jazzmusiker und als Autor im Rahmen der legendären „Wiener Gruppe“ tätig. Mitte der Sechziger Jahre leitete er in der Wiener Olivetti-Niederlassung die Datenverarbeitungsabteilung. 1969 floh er vor einem drohenden Verfahren wegen „Gotteslästerung“ nach Berlin, wo er als Gastwirt lebte und an der TU Mathematik und Informatik studierte. Von 1992 bis 2004 war er Professor für Ästhetik an der Kunstakademie Düsseldorf. Ossi Wiener lebt heute im kanadischen Dawson City und im steirischen Birkfeld. Im Mürzer Kunsthaus war er schon öfters zu Gast.
Beim dreitägigen Seminar ging es diesmal um Denkpsychologie, um Innenschau, Introspektion, Selbstbeobachtung. Als Zuhörer gab ich mir Wieners Impulsvortrag „Was soll Selbstbeobachtung?“ Dabei versuchte er zu ergründen, was in den Köpfen der Teilnehmer vorging beim Formen von geometrischen Figuren oder beim Knüpfen eines bestimmten Knotens. Weitere Referate ersparte ich mir, aber ich besorgte mir schriftliche Unterlagen bei den Lesungen am folgenden Abend. Die Seminarteilnehmer Ann Cotten, Thomas Raab, Franz Josef Czernin und Brigitta Falkner brachten eigene Texte zu Gehör. An der Seite Oswald Wieners sah man an diesem Abend ein weiteres, noch immer aktives Mitglied der „Wiener Gruppe“: Friedrich Achleitner.
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